Vor 25 Jahren erging an jeden Pittener Haushalt eine Postwurfsendung.

In dicker, grüner Schrift stand unter "Hamburger" und dem österreichischen Wappen für "staatliche Auszeichnung" folgendes: "Wir wollen Sie informieren! Worüber? Über unser neues Energieprojekt Festbrennstoffkessel, System Wirbelschicht. Devise: Arbeitsplatzsicherung durch Senkung der Energiekosten" Im Blattinneren stand zu lesen: "Nur über eine drastische Senkung der Energiekosten können wir langfristig die Existenz der Firma W. Hamburger AG und damit die 206 Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter und das Wohlergehen ihrer Familien absichern." "Die gesetzlichen Umweltvorschriften werden in vielen Bereichen weit unterboten." "Das System Wirbelschichtverbrennung gilt als modernster Stand der Technik."

Obwohl das alles und noch viel mehr sehr überzeugend klang und der Bürgermeister das Projekt anfangs unterstützte, kam es einigen Pittnern doch etwas seltsam vor, daß im Rahmen dieses innovativen Systems Müll aus dem Rinterzelt Wien, gehäckselt, gepreßt und irgendwie liebevoll BRAM genannt, hier verbrannt werden sollte. 1400 Personen unterschrieben, daß sie nicht zusehen wollten wie ausgerechnet das enge Pittental Sitz einer Müllverbrennung werden sollte.

Bei Probeverbrennungen der so genannten "Spuckstoffe", das sind Plastikreste aus der Altpapieraufbereitung, wurde auf Drängen der Bürgerbewegung eine für die damalige Zeit (1985) unübliche Dioxinmessung vorgenommen. Die ohnehin fragwürdig hohen Grenzwerte wurden um mehr als das dreifache überschritten.

Man einigte sich auf einen Vergleich - Hamburger würde in Zukunft auf eine Verbrennung von Plastik verzichten, dafür würde der Umweltschutzverein Pittental sich bei der Befeuerung der Wirbelschicht mit Klärschlamm, das sind Restprodukte aus der Papiererzeugung, nicht weiter querstellen. Ein Urteil des Höchstgerichts gab dem Anliegen des Umweltschutzvereins ohnehin gerade recht und hob die erteilten Genehmigungen auf. Im August 1990, also eineinhalb Jahre nach dem gerichtlichen Urteil und acht Jahre nachdem 1400 Pittner protestiert hatten, lehnte der Gemeinderat das Hamburgerprojekt einstimmig ab. (Anm.: Diese Darstellung ist ungenau. Mehr dazu lesen sie hier)

Ob dies Ausdruck eines gelungenen Umdenkprozesses der lokalen Politik war oder ob man sich ebenfalls dem Urteil des Verwaltungsgerichtshof anschloß ist eine Sache. Eine andere, aus heutiger Sicht viel wichtigere ist, daß Hamburger in den letzten 25 Jahren zu einem internationalen Konzern angewachsen ist, und das obwohl damals behauptet wurde, daß eigentlich "nur eine drastische Absenkung der Energiekosten" die Existenz der AG hätte absichern können.

DI Christian Atzmüller schreibt 1999 in seiner Diplomarbeit "Stellenwert eines altpapierverarbeitenden Betriebes..."...stellt die Entsorgung dieses [Spuckstoff-] Abfallstromes angesichts der hohen Deponiepreise (1990: ÖS 1056 pro Tonne) noch immer einen bedeutenden Kostenfaktor dar. Daher werden auch immer wieder andere Entsorgungsmöglichkeiten wie Verbrennung diskutiert, da es aber keine Bewilligung dafür gibt und sich der Betrieb auch freiwillig gegenüber den Bewohnern der Region verpfichtet hat, nicht zu verbrennen, wird darauf verzichtet."

 
 Keine Landung von Außerirdischen sondern eine Langzeitbelichtung des Pittentaler Werks der Hamburger Unternehmensgruppe, 2006

Heute unterhält die Hamburger Gruppe Werke in Deutschland, Österreich, Ungarn, Kroatien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Slowenien und der Ukraine. Laut eigener Aussage befindet man sich auf Erfolgskurs, ein Ende der Expansion sei nicht in Sicht. Die Verfahrenstechnik hat sich (außer in der Elektronik) nicht wesentlich geändert, die Naturgesetze der chemischen Prozesse schon gar nicht, auch die ungünstige Tallage ist seit Millionen Jahren gleich geblieben.

Heute weiß man, daß sich selbst schwer messbare Spuren von Dioxinen und Furanen in lebendem Gewebe abertausendmal anreichern und für Generationen Schaden anrichten können, daß sie bei der Verbrennung auch nach der Filterung entstehen können (De-Novo Synthese), daß rings um einige Müllverbrennungsanlagen gesteigerte Krebsraten vorliegen, daß die Aschen in Stollen für alle Zeiten entsorgt werden müssen weil sie so giftig sind.

Man weiß aber auch, daß Müllverbrennung durch eine neue Gesetzeslage (Deponieverordnung 2002) ein Geschäft darstellt, das eher an die sagenhaften Schätze von Samarkand erinnert als an harte Arbeit.

Müllverbrennung ist nicht zwingend mit Papiererzeugung verbunden wie Güterzüge mit der Schiene. Investitionen in Müllverbrennung bringen aber jährlich um die 20% Rendite, EU Förderungen nicht mitgerechnet, das ist durchaus mit "sauberen" Bankgeschäften vergleichbar. Geplant war im ersten Schub eine Kapazität von 45.000 Tonnen, eine vergleichbare Müllverbrennung der ebenfalls zur Hamburger Gruppe gehörenden Papierfabrik Brigl&Bergmeister in Niklasdorf gilt mit 100.000 Tonnen nach Aussage der Manager inzwischen als zu klein, hier wird aufgestockt werden müssen. Da Müllverbrennung von Papiererzeugung unabhängig ist, könnte eine MVA sogar weiterlaufen, selbst wenn die Papiererzeugung in die Mandschurei ausgelagert wird.

Lieferant des als "Leichtfraktion" umschriebenen Brennstoffes soll vorerst die einst von der Hamburger AG gegründete "Grüne Tonne" sein, die heute im Besitz des Abfallwirtschaftsverbandes Neunkirchen steht. Bezahlt wird das lukrative Geschäft durch überproportional steigende Müllgebühren und durch öffentliche Zuschüsse der Gemeinden. Die aktuellen Entgelte an die Müllverbrenner werden, obwohl im öffentlichen Interesse liegend, als "Geschäftsgeheimnis" behandelt.

Für die Planung der Müllverbrennung zuständig war eine Tochtergesellschaft des finnischen Konzerns Jaakko Pöyry Group, die Verbundplan, dessen Top-Manager gleichzeitig Bürgermeister von Pitten war und ist. Die Hamburger Gruppe legte dies am 9.1.2006 auf Drängen des Bürgerbeirats dies im Rahmen ihrer Projektplanung offen. Zwei Tage später, einige meinten: zu spät, veröffentlichte der Bürgermeister die gleiche Verflechtung seiner Person in einer Aussendung der Gemeinde und bekräftigte, daß aus seiner Sicht kein Interessenskonflikt bestünde. Um die Optik geradezurücken wurde der Auftrag trotzdem diskret an eine Schweizer Elektrowatt Econo umgelegt, eine andere Tochterfirma der Jaakko Pöyry Group.
Anm. 25.8.2006: Dies ist inzwischen schon wieder Geschichte. --> Link

Ein "Bürgerbeirat" hat im Behördenverfahren keinerlei Rechte, stellt aber die für eine Bewilligung gesetzlich geforderte Einbeziehung der Bürger dar. Eine Unterschriftenliste ab 200 Personen hat im Gegesatz dazu bei gewissen Behördenverfahren (volle Umweltverträglichkeitsprüfung - UVP) volle Parteistellung. Diese volle UVP kann nur unter Umständen erreicht werden.

Jaakko Pöyry hat 2001 die Genehmigung der neuen Wellpappenerzeugungsanlage für W. Hamburger AG betreut. Pitten zählt sich zu einer der vier neuen Thermengemeinden, nachdem in Linsberg erfolgreich ein Thermenprojekt gestartet wurde. Pitten gehört außerdem der "Region Bucklige Welt" an, die sich als "Feinkostladen Niederösterreichs" vermarkten will.

 

 

SeitenzØhler