Profil, 2.8.2008

„Unauffällig in ein neues Fahrwasser“

NS-Vergangenheit.
Der Gründer und erste Präsident der
Industriellenvereinigung, Fritz Hamburger, förderte die nationalen
Kreise, war selbst illegaler SA-ler und putschte gegen das
Dollfuß-Regime.

Es gibt Varianten des Verschweigens, die einer Lüge nahekommen. In
einer offiziellen Stellungnahme, nachzulesen auf ihrer Homepage, gibt
die österreichische Industriellenvereinigung über ihre Ursprünge
bekannt, dass „die politischen Umbrüche der Ersten Republik auch an
dieser Organisation nicht spurlos vorübergingen“. Tatsächlich sind
solche Spuren über Familien- und Firmengeschichten, Loyalitäten und
Seilschaften noch heute nachzuweisen.

Der erste Präsident des Industriebundes, um die Wende vom 19. zum
20. Jahrhundert, war Fritz Hamburger, einer von vier Söhnen einer
Industriellenfamilie, die im niederösterreichischen Pitten mit
innovativen Techniken aus Hadern und Lumpen Papier erzeugte. Fritz,
der Zweitjüngste, hatte zwar auch für einen Teil des
Familienunternehmens Verantwortung zu tragen, mit größerem Eifer
hingegen betrieb er die politische Sache.

Als dekorierter Weltkriegsveteran hatte er, nach eigenen Angaben,
eine „nationale Offiziersbewegung auf die Füße gestellt“ und sich
nach Ausrufung der Republik leidenschaftlich darum bemüht, mit dem
Bund der Industriellen „unauffällig in ein neues Fahrwasser zu
kommen“. 1922 gab er auf. „Fortwährende Angriffe der Juden
verleideten mir die Sache in immer steigendem Ausmaße, sodass ich
mich im Jahr 1922 entschloss, die Führung der Industrie
zurückzulegen“, schrieb Hamburger später in einem Lebenslauf für die
NSDAP.

Hamburgers große Stunde sollte erst kommen. 1931 wurde er Mitglied
der illegalen SA und beteiligte sich an führender Stelle am
Juli-Putsch der Nationalsozialisten in Wien, bei dem der
christlich-soziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ums Leben kam. Es
war geplant gewesen, dass rund 200 SSler in Uniformen des
Bundesheeres das Kanzleramt stürmen, das Rundfunkgebäude RAVAG
besetzen und den Ministerrat gefangen nehmen. Dilettantismus und
Eifersüchteleien zwischen SA und SS vereitelten den Putsch.

Fritz Hamburger, mit 65 Jahren graue Eminenz im Hintergrund, der
als Chef der Berndorfer Metallwarenfabrik und leitender
Verwaltungsrat der Steyr-Werke seine Flugreisen, die er im Dienste
der illegalen NSDAP tätigte, gut als Geschäftsreisen tarnen konnte,
wurde verraten und in der Wiener Strafanstalt Stein inhaftiert. 1936
kam er schon wieder frei, und mit der Machtergreifung der Nazis in
Österreich war er voll im Geschäft.

Hamburgers Einsatz für die NS-Bewegung wurde finanziell belohnt.
Im Juli 1939 konnte er berichten, er habe „gemeinsam mit der Julius
Meinl A. G. die Aktienmajorität der Austria Papierindustrie A. G.
(die einem Juden gehörte, Anm.) arisiert“ und sei dort jetzt
stellvertretender Aufsichtsratspräsident. Von der Meinl A. G. bekam
er - vermutlich für seine beharrlichen „Arisierungs-Bemühungen“ -
einen lukrativen Konsulentenvertrag. Das eigentliche
Familienunternehmen „W. Hamburger“, an dem mittlerweile die
Schwiegersöhne Ernst Prinzhorn und Walter Reinthaller beteiligt
waren, bekam die Papierfabrik „M. Pam’s Söhne“ zugesprochen. Die
jüdischen Besitzerinnen flüchteten mittellos, der ehemalige
Fabriksdirektor Max Pam wurde im KZ Dachau ermordet.

Heute befindet sich die Hamburger-Holding fast zur Gänze im
Eigentum der Thomas Prinzhorn Privatstiftung, Julius Meinl V. hat
einen Vorstandssitz im Stiftungsrat. Nachkommen der Reinthallers sind
Gesellschafter in Prinzhorn-Unternehmen.

Man kann annehmen, dass auch die klassenübergreifende Solidarität,
die Prinzhorns Vater Harald einst dem blutjungen Jörg Haider zukommen
ließ, in der Vergangenheit gründet. Der alte Prinzhorn finanzierte in
den siebziger Jahren die Jugendzeitung „Tangente“, Haiders
propagandistische Plattform, die er gegen die FPÖ-Führung in Stellung
brachte. Haiders Vater Robert war wie einst Fritz Hamburger ein
illegaler SAler gewesen und hatte am Juli-Putsch gegen Dollfuß
teilgenommen.

Freilich waren die Hamburgers keine Ausnahme gewesen. Eine ganze
Reihe illustrer Namen - Schoeller, von Welsbach, Hinke Langoth - fand
sich damals unter den frühen Sympathisanten des NS-Regimes. Auch das
Unternehmen Swarovski erwies 1938 „dem Führer dankbare Treuegrüße“.
Sämtliche Familienmitglieder hatten sich als illegale Nazis betätigt
und konnten während der NS-Herrschaft groß ins Rüstungsgeschäft
einsteigen.

Bild: Fritz Hamburger Der erste Chef der Industriellenvereinigung
war illegaler Nazi und 1934 an der Ermordung von Dollfuß beteiligt

 

 

 


 

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