Chronik letzten Jahre
1982
versucht Hamburger erstmals eine großangelegte Müllverbrennung
in Pitten zu bauen.
Der Versuch scheitert am Widerstand der Bevölkerung und erspart
der Region, wenn man den Testergebnissen von DI Scheidl trauen
darf, eine kontinuerliche und signifikante Grenzwertüberschreitung
bei Dioxinen.
1999 schreibt DI Christian Atzmüller in seiner Diplomarbeit "Stellenwert eines altpapierverarbeitenden Betriebes..." über die Problematik der höchstgerichtlich verbotenen Spuckstoffentsorgung folgendes:
...stellt die Entsorgung dieses [Spuckstoff-] Abfallstromes angesichts der hohen Deponiepreise (1990: ÖS 1056 pro Tonne) noch immer einen bedeutenden Kostenfaktor dar. Daher werden auch immer wieder andere Entsorgungsmöglichkeiten wie Verbrennung diskutiert, da es aber keine Bewilligung dafür gibt und sich der Betrieb auch freiwillig gegenüber den Bewohnern der Region verpfichtet hat, nicht zu verbrennen, wird darauf verzichtet."
2003 unterschreibt Dr. Günter Moraw, Geschäftsführer der Verbundplan laut Aussage des Geschäftsführers der Hamburger Unternehmensgruppe, Harald Ganster, einen Vertrag über die Planung einer Müllverbrennung in Pitten, Kostenpunkt: 500.000 Euro. Ob diese Zahlen bzw. das Datum stimmen, kann nicht verifiziert werden, Dr. Moraw hat sich zu diesem Statement bis jetzt nicht geäußert.
Februar 2005, Wahlkampf:
Die Pittener Monats-Schau (SPÖ) listet für den Wahlkampf unter anderem folgenden Punkt auf:
"Pitten lebenswert erhalten und alles
daran setzen, dass Sie sich in Pitten wohlfühlen
Wir bitten um Ihr Vertrauen bei der Gemeinderatswahl!"
Günter Moraw, geb. 1947, Geschäftsführer, im Originalwortlaut:
"Pitten ist ein lebens- und liebenswerter
Ort. Ich verspreche,
alles daran zu setzen, dass die zukünftige Entwicklung Pittens
vorangeht, dass Sie sich hier wohlfühlen und das finden,
was Sie erwarten und ich werde auch die notwendige Zeit
für
Pitten haben.
Zusammenarbeiten und Gräben zuschütten, anstelle von
Hick-Hack und Trennendem dafür stehe ich!"
Elfi Schneider,
Kandidatin für die Vizebürgermeisterin, schreibt in
der gleichen Ausgabe:
"Als engagierte Gemeinderätin von Sautern werde ich
mich besonders für unseren Ortsteil einsetzen."
Diese (und andere) Argumente bescheren den
gewünschten Erfolg.
Im März 2005 wird Dr. Günter Moraw zum Bürgermeister
gewählt, dazu die Aussendung der SPÖ:

27.6.2005, Gemeinderat Pitten, 2 Jahre nach Vertragsabschluss:
"Wie wir aus einer Aussendung von Hamburger
ersehen, wird man im Herbst ein Projekt vorstellen, um die eigenen
Abfälle, aber auch möglichst den Kunststoffanteil der
Grünen Tonne in einer neuen, modernen Anlage zu verbrennen.
Das Genehmigungsverfahren muss einer so genannten "Umweltverträglichkeitsprüfung"
(UVP) unterzogen werden. Zur Kommunikationsverbesserung und Informationsweiterleitung
an die Bevölkerung und den Gemeinderat werden wir unter meiner
(Anm.: hier fehlt ein Wort im Protokoll, gemeint ist vermutlich
"Leitung" oder "Führung") einen Bürgerbeirat
aus interessierten Bürger/innen von Pitten und Seebenstein
schaffen. Als Maßnahme zur "Beweissicherung" des
Ist-Zustandes nach Umbau der Papiermaschinen werden außerdem
Messcontainer in Pitten (Pfarrwiesenweg) und Schiltern aufgestellt,
wo alle umweltrelevanten Immissionswerte, aufgezeichnet werden.
Für die Bevölkerung ist das Wichtigste, dass die Gesamtluftemissionen
der Papierfabrik nicht ansteigen und dass kein "Mülltourismus"
mit Abfall aus anderen Bezirken entsteht. "
Der Gemeinderat beschließt einstimmig einen Bürgerbeirat
ins Leben zu rufen.
Die Gemeinden Seebenstein (ebenfalls Standortgemeinde) und die Nachbargemeinde Schwarzau schließen sich dem Bürgerbeirat an. Die Nachbargemeinde Erlach, die in Linsberg ein Thermenprojekt plant, sieht in einer Beteiligung in einem rechtelosen Bürgerbeirat keinen Vorteil.
9.1.2006
Der Bürgerbeirat stellt den Antrag, dass zuerst das
Projekt vorgestellt wird. Die Vorstellung des Projekts wird nach
einigen Versuchen von Seiten des Mediators Helmut Retzl, dass
man doch zuerst eine "Vereinbarung" Geschäftsordnung,
Statuten, etc. festlegen müsse, entgegen der festgesetzten
Tagesordnung vorgezogen und durch Ing. Winkler vorgestellt.
Günter Moraw schlägt vor, die Anlage statt für
45.000 t nur für 35.000 t zu konzipieren. Bei dieser Präsentation
wird klar, daß die Verbundplan das Projekt plant. 35.000
Jahrestonnen ist der Grenzwert für das "vereinfachte Verfahren der UVP"
mit verminderter öffentlicher Beteiligung und schneller Genehmigung
durch die Behörden.
Zwei Tage später, am 11.1.20006 schreibt Dr. Moraw in den "Amtlichen Mitteilungen" vom 11.1.2006:
"Eines der Planungsunternehmen des Projekts ist die Verbundplan GmbH - das Unternehmen, bei dem ich beschäftigt bin. Aus meiner Sicht gibt es keinen Interessenskonflikt, da die Planung von der Villacher Niederlassung durchgeführt wird, Verbundplan seit vielen Jahren bei Hamburger und anderen Papierfabriken tätig ist und der Auftragswert nur einen Bruchteil der jährlichen Betriebsleistung erfaßt. Außerdem gibt es dadurch einen gewissen Informationsvorsprung, der nicht gegeben wäre, wenn ein anderes Planungsunternehmen tätig wäre, welches vorrangig nur die Interessen der Fa. Hamburger im Auge hätte."
Gleichzeitig wird in dieser Aussendung bekannt
gegeben, daß 5 Tage später, am 16.1.2006 im Haus der
Gemeinde Pitten eine Gemeinderatssitzung stattfinden soll.
Die Gemeinderatssitzung muss wegen des überraschend großen
Andrangs der Bevölkerung in das Veranstaltungszentrum verlegt
werden. Umweltgemeinderat Moidl empfiehlt den Gemeinderäten
und Zuhörern weder Moraw noch Hamburger etwas zu glauben
bis der Konzern einen offiziellen Antrag einreicht.
Details der Gemeinderatssitzung
24.1.2006 Bürgerbeirats-Sitzung
An diesem Tag kommt eine verspätete
und überraschende Reaktion auf die letzte Bürgerbeirats-Sitzung
vom 9.1.06: Schlagzeile im Kurier: "Kaum jemand will einen Dialog" Der Bürgerberiat
ignoriert diese Medienattacke und erscheint nach wie vor dialogbereit
zur Bürgerberiatssitzung.
Thema diesmal: Ein Bürgerbeirat, der Vertreter des Konzerns
als Mitglieder hat, kann schwer mit sich selbst verhandeln.
Die Vertreter der Hamburgergruppe, die bis jetzt Teil des Bürgerbeirats
waren, treten aus dem Bürgerbeirat aus um so eine Verhandlungsgundlage
zu schaffen. Gespräche zwischen den beiden Gruppen sollen
zukünftig als Dialogplattform geführt werden.
16.2.2006
Günter Moraw schreibt von einem inzwischen abgelaufenen Stillhalteabkommen
zwischen der Hamburger Unternehmensgruppe und den umliegenden
Gemeinden. link
2.3.2006 Erste Sitzung der Dialogplattform
Die in der Tagesordnung angekündigten Punkte (Bioindikationen,
Verkehr, Emissionen, Imissionen) werden nicht erledigt.
9.3.2006 Informationsveranstaltung der Hamburger Gruppe
Die Taktik des Konzerns - mit langen Vorträgen
Fragen aus dem Volk zu unterbinden - geht wenige Tage vorher im
Pittener Gemeinderat auf, es bleiben den Gemeinderäten nur
wenige Minuten um Fragen zu stellen.
In der Informationsveranstaltung scheitert das gleiche Vorgehen
allerdings, wenn man den Aussendungen
der Hamburger Gruppe Glauben schenken darf.
13.3.2006 Gemeinderatssitzung
Bürgermeister Moraw bezieht Stellung, indem er die Planung der Müllverbrennung in der derzeitig vorliegenden Form als für die Gemeinde inakzeptabel bezeichnet.
Die Konzernmutter und mehrheitliche Eigentümerin der Verbundplan, die Jaakko Pöyry Group hat den Planungs-Auftrag inzwischen an die Elektrowatt Econo, Schweiz weitergegeben, die gleichzeitig gerade umstrukturiert und in den Konzern eingegliedert wird. Sollte tatsächlich ein Interessenskonflikt für Moraw bestanden haben - jetzt scheint dieser bereinigt zu sein.
20.4.2006
Bürgermeister Moraw sucht beim
Land NÖ als Folge des Gemeinderatsantrags vom 16.1. und möglicherweise
auch durch Insistieren von UGR Moidl auf Feststellung gemäß
§3 Abs. 7 UVP-G (Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz
2000) an. Das bedeutet, daß die Behörden offiziell
von dem Vorhaben des Hamburger Konzerns informiert sind und sinngemeäß
auch, daß die Gemeinde eine ordentliche Umweltverträglichkeitsprüfung
wünscht. link
6.4.2006 2. Dialogplattform
Hamburger setzt den Dialog mit den Bürgern
aus.
Offizieller Grund: Die Reaktionen der Bevölkerung in der
Informationsveranstaltung.
Seitens des Konzerns wird mit harten Worten nicht gespart: Dem
abwesenden Bürgermeister Moraw hätte man genug Geld
in den Rachen geworfen, er sei der Unternehmensgruppe in den Rücken
gefallen.
Demnach gab es bislang nur eine Sitzung (2.3.2006), in
der sich Vertreter der Gemeinden und des Konzerns am Verhandlungstisch
gegenüber saßen. Allerdings konnte der Konzern in dieser
Sitzung zu keinen der Themen Informationen beisteuern. Der Bürgerbeirat
stellte dem Konzern hingegen im Gegenzug 111 Fragen zur Verfügung,
die es der Unternehmensgruppe erlauben könnten, mögliche
Themen einer Umweltverträglichkeitsprüfung vorauszusehen
und damit die Prüfung schneller zu bestehen. Der Hamburger
Konzern nannte dies "Informationen absaugen", eine Taktik,
die er allerdings den Mitgliedern des Bürgerbeirats vorwarf.
Ob damit ein dem Verursacher oder Projektwerber gesetzlich vorgeschriebene
Auftrag einer Bürgerbeteiligung erfüllt ist, werden
wohl die Behörden beurteilen müssen.
21.4.2006
Die Bürgermeister Rädler, Moraw, Filz und Endl schreiben eine einstimmige Resolution an Landeshauptmann Pröll, in der sie appellieren, das Projekt nicht zu genehmigen.
