Flechten und Luftgüte

Die Luft ist eine Existenzgrundlage für Lebewesen. Der Mensch kann einige Tage ohne Wasser oder ohne feste Nahrung auskommen, ohne Luft bleiben ihm nur wenige Minuten.

Lebewesen passen sich optimal an die vorherrschende Luftzusammensetzung an. Ändert sich das Gemisch der Luft dann sinken die Überlebenschancen. Es sind nicht bloss die Hauptbestandteile der Luft wie Stickstoff, Sauerstoff, Edelgase und Kohlendioxid massgeblich, sondern es sind die Spurengase und Stäube die die natürliche Zusammensetzung der Luft als sogenannte Schadstoffe massgeblich verschlechtern.

Viele Jahrmillionen veränderte sich die Luftzusammensetzung nur sehr langsam. Die heutigen durch den Menschen verursachten Veränderungen der Luft sind rasant und zu schnell für viele Organismen um sich noch anpassen zu können. Jene Arten sterben aus.

Flechten bestehen aus zwei verschiedenen Lebewesen. Jeweils ein Pilz und mindestens eine Alge bauen eine Flechte auf.

Die beiden leben zusammen weil sie voneinander profitieren (Symbiose). Der Pilz erhält durch die Alge lebensnotwendige Kohlenhydrate und der Pilz unmantelt die Alge mit seinem Körper und schützt sie somit vor der Gefahr des Austrocknens, großer Sonneneinstrahlung und vor algenfressenden Tieren.

Die Ursache warum Flechten auf lufthygienische Zustände stark reagieren liegt unter anderem in der Symbiose von Alge und Pilz. Diese Symbiose ist fein eingestellt und ist somit auch leicht störungsanfällig. Flechten sind wechselfeuchte Lebewesen, die auch im Winter Stoffwechsel betreiben. Höhere Pflanzen befinden sich im Winter in einer Ruheperiode und nehmen somit keine Schadstoffe auf.

Weiters absorbieren Flechten Nährstoffionen direkt aus der Luft oder dem Niederschlag. Die guten Nährstoffionen wie auch die toxischen Spurenelemente werden dabei akkumuliert.

Die Flechten sind gegenüber säurebildenden Schadgasen sehr reaktiv. Weiters ermöglicht das Vorkommen spezieller Flechten Aussagen über die Temperatur-, Licht oder Feuchteverhältnisse ihrer Wuchsorte. Flechten wachsen sehr langsam und leben auch sehr lange. (Gesteinsbewohnenede Flechten werden mehrere Jahrzehnte, oft mehrere Jahrhunderte alt) Dementsprechend geben sie auch Auskunft über langfristige Veränderungen der Lufthygiene.

 

Bioindikationsverfahren

"Bioindikatoren sind Organismen, die auf eine Schadstoffbelastung mit einer deutlichen und eindeutigen Veränderung ihrer Lebensfunktion antworten."
Kirschbaum Ulrich. Flechten erkennen .Luftgüte bestimmen. Ulmer. 1997 Stuttgart. S5

Es gibt Flechten die hochempfindlich gegenüber schlechter Luftgüte, andere die beinahe resistent sind und weiters welche die bei deutlich unterschrittenen Immissionsgrenzwerten aussterben.

Aufgrund dieser ausgeprägten Sensibilität in verschiedene Richtungen wurde die Flechte schon im 19.Jahrhundert als Bioindikator eingesetzt. Untersuchungen von Flechten aus jener Zeit zeigen eine enorme Artenvielfalt die heutzutage nur mehr sehr selten anzutreffen ist.

Technische Luftanalysen ermitteln nur eine Auswahl umweltrelevanter Schadstoffe. Die Bioindikation ist neben der technischen Immissionsmessung ein wesentliches Instrument, um den biologisch wirksamen Teil der Immissionen festzustellen.

Es existieren zwei Bioindikationsverfahren:

1. Das Flechten-Kartierungsverfahren, bei dem der natürliche Flechtenbewuchs von Bäumen untersucht wird.

2. Das Flechten-Expositionsverfahren, bei dem mittelempfindliche Flechtenarten aus immissionsarmen Gebieten in das Untersuchungsgebiet für einenn festgelegten Zeitraum exponiert werden.

 

Bei der Umweltverträglichkeitsanalyse zur projektierten Werkserweiterung der W. Hamburger AG-Pitten/Nö 1991 wurde von DI Forstw. Dr. Elisabeth Johann das Flechten-Expositionsverfahren im vegetationskundlichen Gutachten angewendet.

Frau Elisabeth Johann weist darauf hin, daß Messungen im Sommer keinen Rückschluß auf Inversionswetterlage im Winter geben können.

Interessant ist aber vor allem, daß die Proben am Prallhang verschwunden sind.

Bei den jetzt vorgenommenen Messungen geht man deshalb auf Nummer sicher: Am Prallhang, durch frühere Gutachten als besonders guter Ort für Emissionsmessungen bekannt, wird gar nichts mehr gemessen.

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vgl. Kirschbaum Ulrich. Flechten erkennen .Luftgüte bestimmen. Ulmer. 1997 Stuttgart

 

Alle Fotos sind Flechten aus dem Pittental

 

 

 

 

 

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