Die Geschichte des Hamburger Konzerns: Nationalsozialismus und Arisierungen

 

 

Gründer Wilhelm Hamburger I und seine Frau

Der Name des patriarchalisch geführten Unternehmens geht auf den deutschen Gründer, Wilhelm Hamburger I zurück, der 1853 in Pitten mit dem Vermahlen von Hadern für eine benachbarte Papierfabrik begann und1863 eine eigene Papierfabrik errichtet.

 

 Lina und Adolf Hamburger

Wilhelm Hamburger hat vier Söhne, drei von ihnen werden mit der Firmenleitung betraut: Adolf Hamburger, geboren am 18.8.1858, Wilhelm-Franz (Willi,geboren am 6.12.1864) und Ing. Fritz Hamburger, (8.5.1869).
Der jüngste, Franz Anton (1874) steigt aus und wird Kinderarzt.

Der Betrieb befindet sich immer auf dem Stand der Technik.
Um 1900 bedeutet dies so viel, daß das Grundwasser in Pitten vergiftet wird. Haushalten, die ihr Wasser aus Hausbrunnen beziehen bleiben ohne Trinkwasserversorgung.
Dies ist der Beginn einer langen Kette von Umweltproblemen, die der Konzern verursacht.

Ing. Fritz Hamburger, der den Betrieb ab 1891 leitet, tritt 1896 aus dem Pittener Management aus, um die kommerzielle Leitung der Firma in Wien zu übernehmen. Während er am 1.1.1915 in den Krieg eintritt, stirbt fünf Wochen später die grosse Hoffnung auf den Erben des Konzerns, Adolfs einziger Sohn Wilhelm II.
Fritz' Sohn, ebenfalls Wilhelm, kommt am 15.12.1917 in Matzleinsdorf bei Melk zur Welt, Mutter ist Gabrielle von Tinti. Wilhelm ist zu jung, um die Firmengeschicke zu übernehmen.

So kommt am 29.4.1919 Adolfs Schwiegersohn Walter Reinthaller, Ehemann von Adolfs Tochter Heidi und am 10.2.1922 sein zweiter Schiegersohn und Präsident der Austropapier AG von 1918 bis 1920, Ernst Prinzhorn, Sohn von Adolfs Tochter Else als Firmengesellschafter dazu.
Die Verbindungen zwischen den Familien Hamburger und der ebenfalls aus Deutschland stammenden Familie Prinzhorn sind damals schon vielfältig.
Quelle: 25 Jahre ÖPA, Wien 1960, unpag. (W. Hamburger Papier- und Zellulosefabrik)

Schillerndste Figur des Hamburger-Imperiums ist Ing.Fritz Hamburger.

Obwohl er sich als Gründer des österreichischen Industriellenbundes, dem Vorläufer der heutigen Industriellenvereinigung bezeichnet und diesen von 1934 bis 1938 leitet, obwohl er neben der Leitung des Pittener Stammwerkes auch die kommerzielle Leitung der Firma in Wien übernimmt, taucht er in der offiziellen Historie des Konzerns nicht auf.

Ing. Hamburger wird wegen illegaler nationalsozialistischer Betätigung (NSDAP-Mitgliedschaft seit 1.August 1931) und Beteiligung am NS Juli-Putsch 1934 gegen die österreichische Republik wegen Hochverrats zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Der Putsch scheitert, weil die Braunhemden (SA) mit den Schwarzhemden (SS) in einem mörderischen Kampf um die zukünftige Vorherrschaft im Dritten Reich liegen. Der "lebensgefährliche Kampf mit Adolf Hitler", den Thomas Prinzhorn später aus dieser Geschichte stilisiert, erscheint in einem anderen Licht - die Waffen der Mörder sind auf die Vertreter der österreichischen Regierung gerichtet. Zu den Todesopfern der Verschwörer gehört unter anderem der österreichische Bundeskanzler.

 
Der im Juliputsch 1934 von nationalsozialistischen Putschisten erordete Kanzler Dollfuß

Der nächste Umsturzversuch der Nazis ist erfolgreich - das Land geht in der Diktatur des neuen Deutschen Reichs auf, das sich mit einem Verfallsdatum von 1000 Jahren überhebt.
Hamburgers Haftstrafe, in der er sich angeblich ein Ohrenleiden zuzieht, dauert wegen der "Befreiung" Österreichs durch die Nationalsozialisten nur etwas mehr als ein Jahr. Nach der geglückten Machtergreifung der Nazis wird dem Gründer des Industriellenbundes aufgrund seines heldenhaften Einsatzes gegen den österreichischen Ständestaat der Blutorden Nr. 3665 verliehen ("Und ihr habt doch gesiegt").

Ein anderer Mitkämpfer der sich in den Reigen der Blutordenträger einreiht, ist Robert Haider, Vater des späteren Landeshauptmannes Jörg Haider, der schon seiner Jugend von Harald Prinzhorn finanziell unterstützt wurde, beispielsweise bei der Herausgabe des politischen Magazins die "Tangente".
Thomas Prinzhorn und Jörg Haider werden später gemeinsam auf Wahlplakaten für den rechten politischen Flügel der österreichischen Politlandschaft erscheinen. Zurück zur Geschichte:

Wegen der angeblich "langen Verzögerung" seiner Arisierungsangelegenheit finanziell erschöpft, sucht der mittlerweile zum Obersturmbannführer beförderte Ing. Fritz Hamburger um Entschädigung bei der nationalsozialistischen Bewegung an.
In einem Dossier des SS-Sicherheitsdienst über Fritz Hamburger wird berichtet, dass sich der Auftraggeber des Holocaust und Nummer zwei des Reiches, Generalfeldmarschall und später Reichsmarschall Hermann Göring persönlich für ihn verwendet.
Ing. Fritz Hamburger ist, wie die Briefe seines Sohnes Wilhelm an ihn bezeugen, mit der Familie Göring intim befreundet.

Er gilt als der offizielle Auftraggeber für den lukrativen Holocaust, der mithalf den zweiten Weltkrieg zu finanzieren.

 

Reichsjägermeister und Generalfeldmarschall Göring bei der Jagd

Die heutige offizielle Chronik bezieht sich laufend auf die politischen Großereignisse der Zeitgeschichte.
"Am 10. Februar 1938, also etwa einem Monat vor dem Einmarsch Hitlers in Österreich verstarb Willy Hamburger in Schiltern. (...)" ("aufgerollt" 1/2009)

W. Hamburger besitzt 1938 eine Papier-, Zellulose- und Pappfabrik in Pitten und Sautern, ein Werk in Poprad (Slowakei), eine Papierfabrik und eine Holzschleiferei in Neubruck, die an die Fa. Neubrucker Papierfabrik G. Neudeldt-Schoeller & Sohn verpachtet ist. Ausserdem verfügt sie über eine Druckerei in Wien.

Die Hamburger Unternehmensgruppe versteht es selbstverständlich sich der (nationalsozialistischen) Rechtsstaatlichkeit zu bedienen. Während sie sich zunächst für das jüdische Graupappenwerk der Brüder Mahler in Ybbs interessiert, es jedoch nicht erwerben kann, arisiert sie über die Vermittlung der Kontrollbank die Neunkirchner Firma M. Pam's Söhne, Papierhülsenfabrik OHG in Neunkirchen zum Schnäppchen-Preis von RM 221.995.
Die Firma ist ein lukratives Unternehmen mit über 100 Arbeitern und Angestellten.
Max Pam selbst ist eines der ersten prominenten Mordopfer in Dachau. In der offiziellen Chronik des Konzerns wird die Tragödie wie folgt beschrieben:

"Am 15.2.1950 starb Ernst Prinzhorn. Es folgte sein damals 26jähriger Sohn Harald als Gesellschafter. (...) Mit dem Erwerb der Textilhülsenfabrik in Neukirchen im Jahre 1941 bahnte sich für die Firma Hamburger eine völlig neue Entwicklung an. Neben dem Ausbau der Zellulosegewinnung und der Papiererzeugung wurde nun die Papierverarbeitung im eigenen Unternehmensbereich betrieben. Die Weiterverarbeitung eines großen Teils der Papierfabrikation zu Ölflaschen und Panzerschläuchen war ein sehr wichtiger Produktionszweig geworden und beide Produkte fanden während des Krieges guten Absatz." ("aufgerollt" 1/2009)

In der 1.Sitzung des Nationaldrats der Republik Österreich am 29.10.1999 meint die Grüne Abgeordnete MMag. Dr. Madeleine Petrovic zur Arisierung von M. Pam:
"Ich kann einen Abgeordneten Prinzhorn aus zwei Gründen nicht zum Präsidenten wählen. Der erste Grund ist, dass auch dieser Kandidat ein Kandidat ist, der auf ein wesentliches, ein entsetzliches Kapitel der Geschichte dieses Landes mit Unwissenheit, mit Verdrängen reagiert hat, obwohl es ihn selbst in einer ganz besonderen Art und Weise betrifft, nämlich auf die Geschichte der Arisierung mit den nationalsozialistischen Verbrechen in Österreich.
Thomas Prinzhorn hat zur Frage der Arisierung des Unternehmens, das ihm gehört, dessen Chef er ist, gemeint, dass seine Vorgänger in der Unternehmensleitung ­ auch Angehörige seiner Familie ­ den damaligen jüdischen Eigentümern zu fliehen geholfen hätten.
Wahr ist vielmehr, dass der Fabriksdirektor Max Pam gestorben ist, ermordet wurde ­ am 13. Dezember 1938 im KZ-Dachau.
Das ist die tragische, die entsetzliche Wahrheit." (link zur Ermordung Max Pams).

Hamburger beteiligt sich bei weiteren Arisierungen gemeinsam mit der Meinl AG an der Austria Papierindustrie AG.
Dr. Hugo Hamburger erwirbt währenddessen die Fa. Almuly, die 1941 als Dr. Hugo Hamburger GmbH mit RM 20.000 Kapital registriert ist. Gegen Dr. Hugo Hamburger findet 1948 ein Volksgerichtsverfahren statt.

Nachdem sich auch Bundespräsident Klestil weigert, den Erben des Hamburger-Clans und FPÖ Politiker Prinzhorn wegen untragbarer rassistischer Äusserungen für ein Ministeramt anzugeloben, gibt Prinzhorn folgende Erklärung ab.

»Klestil kann nicht eine Mehrheit einfach wegwischen und sich mit einer sozialistischen Minderheit begnügen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen wird man sich die Frage stellen müssen, wofür wir überhaupt einen Bundespräsidenten haben. Klestil hat sich schon jetzt eine blutige Nase geholt, wenn er auch einen blutigen Kopf will, soll er weiter gegen die Mauer des Bürges rennen. Die Österreicher haben FPÖ und ÖVP bei der Wahl mit einer tragfähigen Mehrheit ausgestattet. Wenn Klestil weiter gegen die Demokratie vergeht, wird er seine Wunder erleben.«
(Thomas Prinzhorn in »Format« 4/00, 24. Jänner 2000)

Aufgrund der nun folgenden internationalen Boykotts und der internationalen Presse, die die österreichische Rechts-Regierung trotzig wegsteckt, rücken auch die Arisierungen des Hamburger Konzerns für kurze Zeit ins Rampenlicht. Doch gelingt es der Regierung laut Aussage Prinzhorns erstmals in der Geschichte Österreichs "alle Probleme der Vergangenheit endgültig zu lösen" indem alle Forderungen für alle Zeiten befriedigt wurden.

»In seiner Begrüßung der Stundenten der Loyola University (USA) im Juli 2001 zeigte sich Prinzhorn zufrieden darüber, dass es seiner Regierung (die rechte ÖVP-FPÖ Koalition) gelungen sei, die Fragen der Entschädigung der Zwangsarbeiter sowie das Problem der Restitution arisierten und geraubten Vermögens zufriedenstellend gelöst zu haben. "Dazu hat es der Freiheitlichen Partei bedurft, und ich bin stolz darauf", sagte er. Man habe von den Freiheitlichen ein falsches Bild, denn sie stünden für mehr Demokratie, für mehr Menschen- und mehr Minderheitenrechte.« Quelle

In einer aus Sicht mittelloser Arbeiter sicher zutreffenden, aus Sicht der Kriegstreiber eher wehleidig klingenden Eigendarstellung des Konzerns wird über die Zeit des 3. Reiches mehr verschwiegen als offenbart:

"Die triste Wirtschaftslage erlaubte keine nennenswerten Investitionen. Es mangelte an Aufträgen und Exporte konnten nur unter größten Opfern getätigt werden. Während des Zweiten Weltkrieges konnte die Papierproduktion aufrecht erhalten werden, ein Großteil der Produktion wurde jedoch für Ölflaschen und Panzerschläuche verwendet."

In der Firmenchronik klingt Adolf Hamburger ein wenig wie der klassische "Manager From Hell".

"Adolf Hamburger, Senior-Chef verlor auch in den Kriegsjahren nicht seinen Humor. Er machte selbst im hohen Alter noch stets seine Rundgänge durch die Firma. Erzählungen zufolge soll er den sogenannten 'Aufpasser' gern auf die Probe gestellt haben, indem er auf die Presse gespuckt und beobachtet hat, ob das dadurch entstandene Loch im Papier auch sofort bemerkt wird!" ("aufgerollt" 1/2009)

"Nach Kriegsende war das Werk Pitten geplündert und teilweise zerstört. In die Kriegs- und Nachkriegszeit fielen der vierte und fünfte Generationenwechsel in der Eigentümerfamilie. 1940 folgte Harald Prinzhorn seinem Vater Ernst als Gesellschafter, 1951 Herbert Reinthaller seinem Vater Walter.
Mit Thomas Prinzhorn leitet seit 1972 die fünfte Generation den Papierkonzern."


Julius Meinl jun. ist Verwaltungsrat in der ariserten Austria Papierindustrie AG.
Die Querverbindungen gemeinschaftlicher Arisierungen zwischen den Familien dauern bis heute an, der allseits bekannte Julius Meinl V ist im Vorstand der Prinzhorn Privatstiftung.

Harald Prinzhorn hat zwei Söhne, Peter und Thomas. Während Peter wenig Interesse zeigt, zumindest in der Industrie ein Global Player zu werden, beweist Thomas schon bei der Übernahme des Konzerns von seinem Vater Harald eine seine inzwischen legendäre Geschäftstüchigkeit.

Die Idee der Müllverbrennung in Pitten will der Konzern seit 1982 vorantreiben. Ursprünglich sollte der Wiener Müll in Pitten verbrannt werden. Die Pittener wehrten sich entschlossen.

Immer schon steht die Drohung einer Abwanderung im Vordergrund. Dazu ein paar Zahlen: Im Jahr 1968 beschäftigt das Hamburger Werk Pitten 560 Arbeiter und Angestellte, Ende der 1990 sind es nur mehr die Hälfte, die Zahl der Beschäftigten nimmt durch Rationalisierung, durch die Verlegung der Konzernzentrale und anderer Abteilungen nach Oberwaltersdorf und durch die Verlegung der Prinzhorn Privatstifung in die Steiermark laufend ab.

Die übrigens ebenfalls in Pitten ansässige Pittener Papierfabriks AG wurde schon 1931 nach 103 jährigen Bestand geschlossen. Die damals nagelneuen Papiermaschinen kamen nach Gratkorn, Steiermark.
477 Arbeiter und 28 Manager wurden arbeitslos. Der Schock sitzt den Pittenern immer noch in den Knochen.

Aus unserer Sicht betrachtet konnte der Konzern durch die Zuverlässigkeit, Loyalität und die harte Arbeit seiner Mitarbeiter zu seiner heutigen Grösse anwachsen.
Das solcherart erwirtschaftete Vermögen dürfte aber langfristig nicht in der Region bleiben.
Augenblicklich wird es in Gebiete mit niedrigeren Lebenshaltungskosten investiert.

Auf die Frage einer lokalen Bürgerinitiative, ob langfristig mit einer Abwanderung der Papierproduktion bzw. der Papiermaschinen aus Pitten zu rechnen sei, droht der Konzern 2006 über den Anwalt seiner Privatstiftung mit straf- und zivilrechtlichen Konsequenzen, sollte diese Frage nicht per Postwurfsendung zurückgenommen werden.

Der Konzern des politisch engagierten Thomas Prinzhorns, die Thomas Prinzhorn Holding GmbH, residiert in Oberwaltersdorf , die Privatstiftung im Schloss Goppelsbach.



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Die hier dargestellten zeitgeschichtlichen Dokumente entstammen dem österr. Saatsarchiv.

 

 

 

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